Aus dem Huainanzi: Wasser, das große Yin

Jetzt ist es doch noch winterlich kalt geworden. Zeit daher für einen Auszug aus dem Huainanzi – über das Wasser, das dem Winter zugehörende Element.

 

„Auf der ganzen Welt ist nichts so weich und schwach wie Wasser,
und doch ist es so groß, dass sich sein äußerster Punkt nicht erreichen lässt,
es ist so tief, dass sein Grund sich nicht messen lässt,
es reicht so hoch, dass es sich ins Grenzenlose erstreckt,
es reicht so weit, dass es jenseits des Horizonts versinkt,
es sammelt und verströmt sich, ebbt ab und steigt an,
sein gesamter Fluss ist nicht zu ermessen.

Oben im Himmel wird es zu Regen und Tau,
unten auf der Erde zu Feuchtigkeit und Moor;
wenn die zehntausend Dinge es nicht bekommen,
werden sie nicht geboren,
wenn die hundert Aufgaben es nicht erhalten,
sind sie nicht erfolgreich.

Es ist die große Umhüllung all dessen, was existiert,
ohne dass es Vorlieben oder Abneigungen hat;
es sickert bis zu den winzig kleinsten Würmern,
ohne dass es Dank erwartet;
sein Reichtum fördert alles unter dem Himmel und endet nicht,
seine Tugend wird allen hundert Namen zuteil und versiegt nicht;
es fließt, ohne dass es jemals erschöpft ist,
und ist so fein, dass man es nicht in der Hand halten kann.

Schlage es, und es ist nicht verwundet,
steche es, und es ist nicht verletzt,
schneide es, und es zerteilt sich nicht,
setze es in Brand, und es verbrennt nicht.
Es versickert im Matsch, fließt ins Verborgene,
verbindet und vermischt sich, verwebt sich mit anderem,
und lässt sich weder vernichten noch auflösen.
Es ist so scharf, dass es sich durch Metall und Stein bohrt,
es ist so stark, dass es der ganzen Welt dient.

Es bewegt sich und löst sich auf ins Reich des Formlosen,
es steigt auf und schwebt oberhalb der Region des Undeutlichen;
kehrt sinkend zurück, durchströmt Flüsse und Felder,
ergießt und verströmt sich über das große Ödland.
Wo es zu viel oder zu wenig ist,
wird es von Himmel und Erde genommen oder gegeben;
es schenkt sich den zehntausend Dingen,
ohne eines von ihnen zu bevorzugen.

Daher ist es weder eigennützig noch uneigennützig,
es zerstreut sich, es flutet, es bewegt sich hin und her,
im Einklang mit dem Unermesslichen, das Himmel und Erde umgibt;
es wählt nicht links oder rechts,
es umfließt und es biegt seinen Lauf,
es weicht aus und ändert die Richtung,
immer in Übereinstimmung mit den zehntausend Dingen.
Das nennt man ‚höchste Tugend‘.

Von allem auf der Welt kann das Wasser die höchste Tugend vollenden,
weil es weich und nachgiebig, sanft und beweglich ist.
Daher sagt Lao Tse:
‚Das Weichste auf der Welt wird das Härteste auf der Welt überwinden,
aus dem Nicht-Sein kommend, kann es dort hinein,
wo kein Zwischenraum ist.
Deswegen weiß ich, dass Wu Wei – das Nicht-Tun – Vorteile hat.’

Das Formlose ist der große Vorfahr der Dinge;
das Tonlose ist der große Vorfahr des Tons.
Ihr Kind ist das Licht,
ihr Enkel ist das Wasser.
Sie alle sind vom Formlosen erzeugt!
Das Licht kann man sehen, aber nicht greifen,
Wasser kann man anfassen, aber nicht zerstören.
Daher: Von allem, was eine Form hat,
wird nichts so sehr verehrt wie Wasser.“

 

Übersetzt aus dem Chinesischen

 

Das Huainanzi ist ein chinesisches Weisheitsbuch, zusammengestellt von Liu An, dem Prinzen von Huainan, im zweiten Jahrhundert v. Chr.

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